Biographie

EIN ÖSTERREICHER FÜR DIE WELT "Kosmomontanus" alias Prof. Dr. Herbert J. M. Pichler

Eine Lebensgeschichte erzählen hat mit Gerechtigkeit zu tun, mit jener Gerechtigkeit, die wir jenen zuteil werden lassen verpflichtet sind, welche Großes geleistet haben. Prof. Dr. Herbert J. M. Pichler ist einer von denen. Er ist nicht nur ein verdienstvoller und überzeugter, wenn auch kritischer Österreicher von internationalem Ruf, er ist auch ein vielgereister Weltbürger mit kosmischem Horizont.

Als Arzt hat er bahnbrechende Entdeckungen gemacht. Als Wissenschafter bewahrte er sich bis heute den weiten, übergreifenden Blick und stieß in Neuland vor, das erst Jahrzehnte später so richtig geistig erschlossen wurde. Seine Tätigkeiten als Raumfahrtmediziner und Fernsehkommentator haben ihm die scherzhaft-liebevollen Namen "Weltraum-Doktor" und "Mondpichler" eingetragen, Bezeichnungen, aus welchen dann der " Weltraumpichler" oder in seiner latinisierten Form, der "Kosmomontanus" entstand, wohl in Erinnerung an den großen Mathematiker und Astronom Regiomontanus (eigentlich Johann Müller, 1436-1476). Weniger bekannt sind jedoch die künstlerischen Neigungen von Prof. Dr. Pichler, seine dichterische Ader, sein Hang zur Philosophie, vor allem zur Kosmologie. Seine Lebenseinstellung kann wohl nicht zutreffender als mit dem Spruch beschrieben werden: Zum Denken stets bereit, zum Handeln nimm dir Zeit.

Ein ständig wacher, aufgeschlossener und vor allem kreativer Geist hat ihn immerfort vorangetrieben, mitunter auch getrieben. Seine Vielseitigkeit, seine schöpferischen Talente waren nicht allezeit nur beneidenswerte Gaben, oftmals auch Bürden und Gefahr, sich in der Vielfalt zu verzetteln. In seiner poetischen Reflexion "Mein gerettetes Dichterland" aus dem Jahre 1988 bekennt er: "Vom Vater habe ich die Kraft, den Mut, das Gefühl der Pflicht, den Sinn für's Lebensziel geerbt, die Geduld, das Unglück zu ertragen, von der Mutter den Humor, die Fröhlichkeit, den Spaß an Tanz und Maskenspiel; der Eltern Gaben gleich zu gleich, dank ich mein Dichterland."

Schon die Vorlieben und Interessen des jungen Pichler ließen die Bandbreite seiner Anlagen erahnen. Die Naturwissenschaften übten auf ihn ebensolche Anziehung aus wie die schöngeistigen Künste. Die Jugendjahre verbrachte der heranwachsende Herbert ausschließlich in Wien. Bei Ausbruch des Krieges, 1939, mußte der angehende Medizinstudent zunächst Arbeits- und Militärdienst leisten. Der junge Sanitätssoldat, 1941 verwundet und unmittelbarer Todesgefahr entronnen, schwor sich: sollten seine Wunden heilen, würde er Wunden anderer heilen, aber nicht nur die des Körpers, auch die der Seele. So bestritt er in Lazaretten gemeinsam mit dem unvergessenen Heinz Conrads bunte Abende, wobei ihm sein erfrischender Humor und ein offensichtlich angeborenes schauspielerisches Talent zugute kamen.

Nach 1945 beendete Prof. Dr. Pichler in Innsbruck sein Medizinstudium mit Auszeichnung und arbeitete anschließend mehrere Jahre in der Schweiz, wo der junge Arzt 1947 an der Klinik Fanconi in Zürich die Penicillin-Allergie entdeckte und damit tausende Kinder und Erwachsene später vor schweren Schäden bewahrte. Für diese international bedeutsame Leistung wurde ihm 1948 das Schweizer Doktorat der Medizin verliehen.

Während seiner Ausbildung zum HNO-Facharzt (Hals- Nasen- Ohrenheilkunde) und seiner Tätigkeit als Oberarzt an der weltberühmten I. Wiener Universitäts-Ohrenklinik nahm der viel versprechende Nachwuchswissenschafter die Anregung von Prof. Dr. Schubert auf, die Arbeiten des altösterreichischen Nobelpreisträgers Bárány über den Gleichgewichtsapparat im Ohr fortzusetzen und sich mit den Pionieren der Raumfahrt näher zu befassen. Dadurch kam Prof. Dr. Pichler auf den Gedanken, einen Brückenschlag zwischen seiner Spezialdisziplin der "Hals-Nasen-Ohrenheilkunde und der Geophysik, beziehungsweise der Astronomie anzustreben, Wissensgebiete, für die er schon von Jugend an eine besondere Vorliebe zeigte.

Seine Beschäftigung mit einer Reihe von theoretischen raumfahrtmedizinischen Fragen bei einer zukünftigen Mondlandung ließ ihn die Notwendigkeit erkennen, die bisherige Vestibularisforschung (Erforschung des Innenohrgleichgewichtsapparates) zu erweitern. Da der Vestibularapparat auf alle Arten von Beschleunigung anspricht, ermöglicht er im Gravitationsfeld der Erde die Orientierung im Raum. Die Gefahren im Weltraum und die Reaktionen des Menschen auf außerirdische Verhältnisse hingegen waren noch wenig erforscht. Die Raumflugmedizin, als ein Teilbereich der Bioastronautik, hat sich mit dem Sachverhalt auseinanderzusetzen, dass der Mensch im Raum Strahlungen und kosmischen Kräften ungeschützt ausgesetzt ist und daher entsprechende Schutzmaßnahmen zu entwickeln sind. Für das in Wien von Prof. Dr. Pichler 1959 begründete neue Forschungsgebiet wurde der Name "extraterrestrische (außerirdische) Vestibularforschung" gewählt. In den späten sechziger Jahren war dann die Abkürzung E T (Extraterrestrial =Außerirdische) in den USA, und wohl auch in Österreich, durch den Titel eines gleichnamigen Hollywood-Filmes (E T) in aller Munde.

Auf so manchem Fachkongress knüpfte Prof. Dr. Pichler wichtige Kontakte nicht zuletzt deshalb, weil der vielseitig gebildete Doktor vier Sprachen beherrscht und oft als Dolmetsch einspringen konnte. Fachleute aus Ost und West wurden auf den österreichischen Experten aufmerksam. Anfang der sechziger Jahre erhielt er eine Einladung, das Hauptquartier der obersten amerikanischen Weltraumbehörde, der NASA, zu besuchen. Ab 1963 kam es dann zur Zusammenarbeit mit der Gruppe um Wernher von Braun in Huntsville (Alabama, USA). Bei der NASA werden heute noch seine Fähigkeiten genauso geschätzt wie in den russischen Raumfahrtzentren.

Mit den Medien kam Prof. Dr. Pichler schon früh in Berührung. Unmittelbar nach Kriegsende bewarb er sich in Innsbruck beim Landessender Tirol, der damals von der französischen Besatzungsmacht kontrolliert wurde, um eine Sprecherstelle und erhielt sie. Als fast zwanzig Jahre später das Österreichische Fernsehen den bereits anerkannten Fachmann beauftragte, von einem internationalen Raumfahrtkongress in Paris einen Kurzbericht zu verfassen, kam diese Berichterstattung so gut an, dass ihm in der Folge die aktuellen Reportagen über die Gemini und Apollo-Missionen der amerikanischen Kosmonauten übertragen wurden. Der damalige TV-Chef Dr. Zilk machte Prof. Dr. Pichler den Vorschlag, eine eigene Serie mit dem Titel "Der Mensch im Weltraum" zu gestalten, die weit über die Grenzen Österreichs bekannt werden sollte. So begann 1965 sein Weg als Kommentator.

Mit der neuen Rolle als Weltraumexperte des Fernsehens übernahm Prof. Dr. Pichler eine undankbare Aufgabe. Der spröde Stoff konnte nicht immer so locker aufbereitet werden wie es das Fernsehpublikum eben erwartet, denn die Technik der Raumfahrt ist kein Thema, das so leicht einen großen Interessentenkreis findet. Aber mit den Erfolgen der Amerikaner im Allflug stieg nicht nur die Anteilnahme der Öffentlichkeit, es stellten sich auch für Prof. Dr. Pichler persönliche Erfolge ein. Höhepunkt bildete wohl die ununterbrochene Live-Berichterstattung über die erste Landung der drei amerikanischen Astronauten auf dem Mond. Mit einem ORF-Team kommentierte er 28 Stunden und 28 Minuten lang, vom 20. zum 21. Juli 1969, dieses Jahrhundertereignis, ein bisher ungebrochen gebliebener Rekord. Durch diese Leistung hatte er sich fraglos, das kann man heute mit Fug und Recht behaupten, zum TV-Star gemausert.

Bereits wenige Tage nach dem geglückten Raumabenteuer erschien Prof. Dr. Pichlers Buch "Die Mondlandung". Wernher von Braun hatte dazu das Vorwort verfasst. Aufgrund seines ständigen wissenschaftlichen Kontaktes mit der amerikanischen Weltraumbehörde war es ihm gelungen, die erste Publikation über dieses "der Menschheit größtes Abenteuer", so der Untertitel des Werkes, rechtzeitig zu veröffentlichen, eine Dokumentation, die durch das profunde Sachwissen und ihre noch nie da gewesene Bildillustration - sowohl von Ost als auch von West - sich alsbald zum Weltbestseller entwickelte und in mehrere Sprachen übersetzt wurde.

Nach der Beendigung seiner Tätigkeit als Fernsehkommentator widmete sich Prof. Dr. Pichler weiterhin der Weltraumforschung. Er gründete 1974 das Österreichische Institut für Flugmedizin und Weltraumbiologie und leitete auch weiterhin seine schon 1950 gegründete Firma Sigmapharm. Das Ergebnis seiner Forschungen waren nicht nur die Entwicklung neuartiger, viel versprechender Präparate, sondern auch die Konzeption des "Kosmomontanischen Weltbildes" von der Rotation des Universums, ein kühner Entwurf, der in naher Zukunft zur Ablöse der "kopernikanischen Weitsicht" führen könnte. Wie viele seiner Entdeckungen, die vorerst belächelt wurden und später allmählich Anerkennung fanden, wird auch diese "kosmomontanische" Sichtweise des Universums im Lichte neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse, vielleicht erst im 21. Jahrhundert bestätigt werden.

"Kosmomontanus", alias Prof. Dr. Herbert J.M. Pichler, lebt nicht hinter dem Mond, er ist ein welterfahrener Erdenbürger. Aber auch er musste die bittere Erfahrung des visionären Entdeckers machen, ein Schicksal, das W. Jensen so trefflich in die Verse gefasst hat:

Wer etwas allen vorgedacht,
wird jahrelang erst ausgelacht.
Begreift man die Entdeckung endlich,
so nennt sie jeder selbstverständlich.

 Diese Selbstverständlichkeit, mit der wir heutzutage eine Entdeckung nutzen, trifft vor allem auf Hermann Noordung, alias Hermann Potocnik zu. Ihm, dem Entdecker des geostationären Orbits in 36.000 km Höhe, ihm, dem weitgehend unbekannt gebliebenen österreichischen Raumfahrtpionier, hat Prof. Dr. Pichler ein Sonett gewidmet. Nicht nur das, er hat sich unentwegt für die internationale Anerkennung dieses verkannten Genies eingesetzt, zu dessen Prophet und Wegbereiter er seit Jahrzehnten geworden ist.

Immer wieder haben wissenschaftliche Erkenntnisse in inniger persönlicher Wechselwirkung ihren Niederschlag im philosophischen und dichterischen Werk von Prof. Dr.  Pichler gefunden. So entstand eine eigene poetische Gattung, die "Space Lyrik". Nicht nur die Raumfahrt hat seine Phantasie beflügelt, es sind auch historische Ereignisse ferner Zeiten ebenso wie erschütternde Geschehnisse unseres Jahrhunderts, die er mit Vorliebe in Balladenform dichterisch gestaltet hat. Insgesamt kann er mit mehr als hundert Gedichten, Epigrammen und Sprüchen auf ein beachtenswertes Lebenswerk verweisen.

Spät, wenn auch nicht zu spät, sind Prof. Dr. Pichler international und auch in Österreich Anerkennung, Würdigung, Ehrungen und schließlich Auszeichnungen zuteil geworden. 1974 wurde ihm die Nicolaus-Copernikus-Medaille in Silber verliehen, in den folgenden Jahren, 1976 hat ihn Academia Cosmologica Nova in das Collegium Astronauticum zum korrespondierenden Mitglied berufen, ebenso die Universität Uppsala. Die Hermann-Oberth-Gesellschaft ehrte ihn 1983 mit der Verleihung der außerordentlichen Mitgliedschaft, 1986 ernannte ihn die Deutsche Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde zum korrespondierenden Mitglied, 1990 folgte die Österreichische Gesellschaft für HNO-Heilkunde. Den Höhepunkt der Anerkennung der wissenschaftlichen Leistungen von Prof. Dr. Pichler, stellte die Verleihung des Österreichischen Ehrenkreuzes für Wissenschaft und Kunst I. Klasse und des Goldenen Ehrenzeichens für Verdienste um das Land Wien im Jahre 1992 dar.

Wenn Prof. George Steiner, Genf, in seiner Eröffnungsrede zu den Salzburger Festspielen 1994 zum Thema "Der Europa Mythos“ feststellte, dass "für die Entkräftung der abendländischen Phantasie", nichts symptomatischer ist als die Unfähigkeit, auf die Mondlandung eine Antwort zu geben, dass "nicht ein einziges Gedicht oder Gemälde, nicht eine Metapher aus diesem atemberaubenden Akt hervorgegangen ist, nichts, was den Erzählungen von der Befreiung des Prometheus, von Ikaros oder von Phaeton im Aug zu den Sternen vergleichbar wäre", so trifft diese Behauptung nicht ganz zu. Offensichtlich ist das Bemühen von Prof. Dr. Pichler, die kosmische Dimension in unserem Zeitdenken bewusst zu machen, nicht so weit bekannt geworden. Vielleicht können die poetischen "Kompressionen", die "Verdichtungen" des "Kosmomontanus", die von Prof. Steiner beklagte "Dekompression" der abendländischen Phantasie einigermaßen wettmachen. Vielleicht können die Gedanken und Visionen eines kosmopolitischen Österreichers zur "Begreifung" eines veränderten Weltbildes im 21. Jahrhundert führen.

Hoffen wir, dass Prof. Dr. Pichler uns nicht fern und fremd wird, denn Robert Musil, der große österreichische Romancier, hat schon 1922 richtig erkannt: "Fünfzig Jahre sind für Menschen, die selbst jünger als etwa sechzig sind, keine Vorstellung mehr (...) und hundert sind die graue Vorzeit."

von Prof. Dr. Konrad Jekl, Historiker, Wien